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Ein Gespräch zwischen Thomas Ritschel und Felix Ruffert.
  wider und wieder?
Felix Ruffert fragt Thomas Ritschel:
F.R. Bist du selbst ein aktiver Widerständler vor 1989 gewesen oder woher rührt deine persönliche Motivation für das Projekt wi(e)derstände?
T.R. Es gibt ganz sicher biographische Motive. Mit 14 wurde ich in der Jungen Gemeinde aktiv, in der Schule gab es lange Auseinandersetzungen zum Thema Wehrdienst. 1986 bin ich aus der FDJ ausgetreten und 1988 hab ich dann den Wehrdienst verweigert. Ich hatte also ein eher gespanntes Verhältnis zur DDR und große Sympathien für die, die sich öffentlich gegen das System stellten. Nach der Vereinigung arbeitete ich dann in einem Forschungsprojekt zum Thema Alternative Öffentlichkeit in der DDR. Die Widerstandsgeschichte Jenas war ein wichtiger Teil dieser Untersuchung. In dieser Arbeit ist für mich eine wesentliche Wurzel des Projektes wi(e)derstände zu suchen.
F.R. Du hast einmal formuliert: Wenn du dich nicht bewegst, dann bewegt dich Geschichte nicht. Welches Bildungskonzept steckt dahinter?
T.R. Die Beschäftigung mit Geschichte ist für die meisten Menschen schwierig, weil i.d.R. die Unmittelbarkeit fehlt, die eigenen Anknüpfungspunkte. Eine individuelle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geschieht dazu meist unter dem Vorzeichen bestimmter vorgegebener Interpretationen von Geschichte. Wer sich mit Geschichte beschäftigt, muss immer zeitliche und räumliche Distanzen überbrücken. Museen und Monumente versuchen diese Brücken zu schlagen, wirken aber oft nur wie Illustrationen, sie stehen für etwas, repräsentieren sozusagen Geschichte. Mir geht es deshalb darum, Geschicht(en) nachzugehen, sich auf die Suche zu begeben, Alltagsorte auf ihre geschichtlichen Verknüpfungen hin neu zu befragen und daraus möglichst etwas von dem zu erfahren, was Geschichte eigentlich ist. Das schließt ein Lernen en passant bewusst mit ein. Die meisten Ereignisse, die wir heute als historisch bedeutsam ansehen, haben im öffentlichen Raum stattgefunden. Die Auseinandersetzung damit findet dagegen in besonderen Räumen statt. Ich denke, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte mehr in den öffentlichen Raum zurück muss. Die Erfahrung mit den wi(e)derständen zeigt, dass der andere Lernort in Verbindung mit einem sehr offenen Zugangsweg die Perspektiven wirklich verändert, die Diskussionen intensiviert, mehr als nur das unmittelbare Thema anregt.
F.R. Jugendliche erarbeiten sich Geschichte zunehmend über Bilder. Inwieweit kann dahingehend das Projekt wi(e)derstände gerade die jüngere Generation zu zeitgeschichtlichem Bewusstsein motivieren?
T.R. wi(e)derstände bietet erst einmal etwas ungewohntes, überrascht durch eine neue Seherfahrung. Gerade Jüngeren gelingt die Überschneidung der beiden Bildebenen schneller. Ausgelöst werden dadurch zuerst einmal Fragen, wie Was sehe ich da eigentlich? Der eher experimentelle und zugleich sehr offene Ansatz des Projektes (z. B. durch Verzicht auf umfangreiche Erklärungen) macht es gerade Jüngeren leichter, einen Zugang zu den Themen der wi(e)derstände zu finden.
F.R. In Deutschland sind Denkmäler und Monumente ein fester Bestandteil der Erinnerungskultur. Wie würdest du als Historiker das Projekt wi(e)derstände in dieses tradierte System einordnen wollen?
T.R. wi(e)derstände ist ganz sicher nicht der einzige (historische) Rundgang durch eine Stadt. Sicher auch nicht der einzige, der sich künstlerischer Ausdrucksformen bedient. Die Besonderheit der wi(e)derstände liegt m. E. darin, dass der Betrachter selbst aktiv werden muss, den Ort nur durch eigenes Tun entdeckt und dabei auch Geduld und Lernbereitschaft braucht. Das eigentliche Ereignis an den wi(e)derständen ist etwas inneres, die Bilder entstehen immer Kopf und sind immer anders. Das führt zu einem erhöhten Wunsch nach Kommunikation über das Gesehene. Besonders ist auch, das nicht die Erklärung des Ortes im Vordergrund steht, sondern ein Impuls, eine Erfahrung, die zum Fragen führen soll. Es geht eben nicht nur um das Thema Widerständigkeit in der DDR, sondern immer auch um die Frage: Wie nehmen wir eigentlich Geschichte wahr? Die Einbindung von Geschichte in die Alltagswelt bietet zudem besondere Anknüpfungspunkte an die eigene Biographie. All das macht die wi(e)derstände zu einem in der deutschen Erinnerungskulturlandschaft ungewöhnlichen Experiment.
F.R. Welches könnte aus deiner Sicht ein Folgeprojekt sein?
T.R. Eine direkte Fortschreibung des Projektes halte ich für nicht interessant genug. Das von uns entwickelte Verfahren der sich überschneidenden Bilder würde ich gern an anderen Orten und mit anderen Themen weiter entwickeln. Städte verändern sich heute besonders schnell, Menschen bewegen sich darin auch immer schneller. Das Verfahren blendet diese Beschleunigung mit ein und macht sie zugleich durch das statische Foto erst sichtbar. Hier würde ich gerne weiterdenken...
Thomas Ritschel fragt Felix Ruffert:
T.R. Du warst 1989 erst 17 Jahre alt und wahrscheinlich nicht Teil der DDR-Opposition. Warum setzt Du Dich dennoch so intensiv mit dieser Thematik auseinander?
F.R. Auch wenn ich kein aktiver Oppositioneller in dieser Zeit gewesen bin, haben gerade die Jahre 87 bis 89 durch ihre bewegte Intensität einen nachhaltigen Eindruck in mir hinterlassen. Ganz sicher Fragen aufgeworfen, denen ich immer wieder in den 90igern beim Vergleich der deutsch-deutschen Systeme begegnete, und die mich letztendlich zu der Frage brachten: In welchen Bildern ist der 15. Jahrestag der Wende überhaupt noch vermittelbar?
T.R. wi(e)derstände ist ein Projekt, das Geschichte und Gegenwart zusammenbringt. Hat das Thema Erinnerung in Deiner künstlerischen Arbeit einen besonderen Stellenwert, oder war das etwas neues für Dich?
F.R. Eine ganze Reihe von meinen künstlerischen Installationen beschäftigen sich mit dem Thema Erinnerungsarbeit. Dabei sind sehr oft biografische Erinnerungsfragmente der Ausgangspunkt für die jeweilige Arbeit, beispielsweise das mühsame Nachzeichnen meiner Blümchen-Kindheitstapete aus dem Jahr 1972 im Maßstab 1:1, die Arbeit in und um mein mobiles Forschungslabor QUEK, in dem DDR Objekte hinsichtlich ihrer Erinnerungsqualitäten untersucht werden oder im Jahr 2005 eine Installation, die sich mit Margot Honeckers blau-violetter Haarfarbe beschäftigt.
T.R. Innerhalb eines Kunstkurses einer 12. Klasse wurde heftig darüber diskutiert, wieso wi(e)derstände ein Kunstprojekt ist. Wie würdest Du darauf antworten?
F.R. Wenn wir von dem Gedanken ausgehen, dass Kunst in irgend einer Form immer Bilder beim Rezipienten erzeugt, dann geht es meiner Ansicht nach bei diesem Projekt ausschließlich um deren aktive Belebung. Diese Bilder entstehen beim Betrachter in einer Art kognitivem Zwischenraum, der es vermag, die Wirklichkeits- und Geschichtswelt übereinander abzulagern und daher eine wunderbare Voraussetzung bietet für weitere Fragen und Diskussionen. Und das ist in meinen Augen eine Kunst!
T.R. In Jena wurde in der jüngeren Vergangenheit viel und kontrovers über ein Denkmal zur Erinnerung an die Verfolgten der kommunistischen Diktatur diskutiert. Auch andernorts gestaltet sich die Suche nach Wegen des Erinnerns an die DDR-Geschichte als schwierig. Wie ordnest Du wi(e)derstände in diesen Diskurs ein?
F.R. Ungern. Aber leider bzw. zum Glück hat noch niemand Denkmäler auf Rädern erfunden! Deshalb enthält das Projekt wi(e)derstände zum einen eine enorme Qualität durch seine unterschiedliche Verortung im Stadtraum und zum anderen durch das Beleben einer uralten künstlerischen Gesprächskultur: Laufen und diskutieren. Ich verstehe das Projekt als eine wirklich gelungene Alternative zu den in der Frage angesprochenen Denkmalsdiskussionen.
T.R. Ist das Projekt wi(e)derstände beendet, oder wird es etwas geben, was das Thema weiter fährt?
F.R. Ich denke es wäre schwierig, genau diesem Projekt eine Art wi(e)derstände II zu verschaffen. Dennoch würde es mich sehr interessieren, dass dem Projekt zu Grunde liegende technisch-optische Verfahren auch einmal andernorts auszuprobieren, vielleicht in Städten wie Dresden, Leipzig oder auch im Ausland? In Orten eben, die sich geschichtlich und architektonisch massiv verändert haben.
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